Bericht über unseren Hof in der Zeitschrift "Leben im Allgäu" von 2012/2013

Ein Ferkel aus Stein und SchrottVon Käse, Kultur und Schrott

Draußen »am flachen Land«, wie man gerne so sagt, da gibt es nichts als Wiesen, Felder und Wälder - ein gängiges Vorurteil. Dabei geht es nur um die Frage: Wo finde ich was? Am schnellsten wird man fündig, wenn man Insider zu Rate ziehen kann.

Günzach und der erste Camembert

Ein Ort von historischer Bedeutung ist das hier, das Haus Nr. 44 in Albrechts, Gemeinde Günzach. Denn 1892 hat im Keller dieses Hauses Karl Hoefelmayr den ersten Camembert im Allgäu hergestellt. Eine Steintafel an der Hausfront, angebracht im Jahr 1943, gibt Zeugnis davon.
Zwei Jahre hat Hoefelmayr, der die Camembertherstellung in Paris und der Normandie erlernt hatte, hier gearbeitet.
Der Keller des großen, behäbigen Hauses aus dem Jahr 1850 brachte genau die richtige Temperatur für die Reife des Camembert und im geräumigen Dachgeschoss wurden die Verpackungskisten hergestellt, in denen der Käse dann nach Günzach zum Bahnhof ging. 1894, als das Käsegeschäft richtig erfolgreich angelaufen war, wurde es in den Räumlichkeiten hier zu eng und Hoefelmayr zog mit seiner Fabrikation nach Eich bei Kempten, wo dann täglich statt 300 bereits 1000 Liter Milch verarbeitet werden konnten. Das war der Start für die Camembertfabrik der Marke »Edelweiß«.

Ein Bauernhaus mit Tradition

Heute ist die Käseherstellung im Haus Nr. 44 Geschichte, Milch wird aber immer noch produziert. Vater Gerhard Wassermann und Sohn Gerd halten in einer GbR eine Herde von 60 Kühen der Rassen Braunvieh und Fleckvieh in einem Laufstall, im Sommer kombiniert mit Weidegang.
Die Arbeitsteilung ist klar, so Vater Gerhard: »Ich habe zu meinem Sechzigsten vor vier Jahren übergeben. Die Milchwirtschaft macht mein Sohn, ich kümmere mich um die Jungviehaufzucht.« Seine Frau Ilse betreibt zwei Ferienwohnungen. Wie es dazu kam, das hat irgendwie mit der alten Käsegeschichte zu tun. Denn als das Anwesen an die Kanalisation angeschlossen wurde, mussten Wassermanns zu ihrem Schrecken feststellen, dass 800 m² Geschossfläche zu bezahlen waren. Und das geht gewaltig ins Geld. Grund dafür war, dass das leer stehende Dachgeschoss komplett mitberechnet worden war. Was tun? Bei der Diskussion um das Dachgeschoss kam die Idee auf, dort zwei Ferienwohnungen einzubauen und Urlaub auf dem Bauernhof anzubieten.

Ilse und Gerhard Wassermann können ihren Feriengästen hervorragende Tipps geben, wo wann was zu sehen und zu erleben ist.Gleich am Ortseingang rechts von der Straße liegt der Hof Wassermann.
Links: Ilse und Gerhard Wassermann können ihren Feriengästen hervorragende Tipps geben, wo wann was zu sehen und zu erleben ist.
Rechts: Gleich am Ortseingang rechts von der Straße liegt der Hof Wassermann.

Kunst und Kultur im Tal der östlichen Günz

Natürlich muss man das Angebot attraktiv gestalten. Und so hat sich Ilse Wassermann mit einigen Kolleginnen zusammengetan, um den Gästen auch etwas in Sachen »Kunst und Kultur« anbieten zu können. Sie hat sich zum Beispiel mit Informationsmaterial aus dem Kemptener AVA-Verlag eingedeckt: »Da kann ich den Gästen genaue Routen ausarbeiten, wo sie was finden. Eine Besonderheit haben wir dabei allerdings. Wenn Familien mit Kindern Tagesausflüge machen, dann »müssen« die Kinder Punkt 17:00 Uhr wieder am Hof sein. Denn da werden die Kühe hereingetrieben, es geht zum Melken und Füttern, und die Jungs müssen natürlich mit meinem Mann auf dem Schlepper hinaus auf die Weide, um das Wasserfass hereinzuholen. Da können Könige und Schlösser heißen, wie sie wollen«, erzählt sie lachend, »das echte Ferienerlebnis findet hier am Hof statt.«

Wandern und erholen

Das bestätigt auch der Computerfachmann aus Regensburg, der mit seiner Familie schon etliche Jahre hierherkommt. Das romantische Günztal und die herzliche Aufnahme hier haben es ihm angetan. Und so geht er, sobald er am Hof eintrifft, als erstes über die satten Wiesen
hinauf auf den Höhenzug im Westen, vorbei an zwei einsamen Bauernhöfen und oben am Plateau zur Sellthürner Käseküche um Original Allgäuer Käse zu holen. Da ist er mit sich und der herrlichen Landschaft allein, genießt die Ruhe, die frische Luft - der Urlaub ist da!

Leicht und mit einem Augenzwinkern - Entwürfe von Herbert Sorg.Eine luftige, duftige Rose aus schweren, harten Hufeisen. 1943 wurde diese Steintafel am Haus Nr. 44 in Albrechts auf Bitte der Edelweiß-Camembert-Fabrik K. Hoefelmayr, Kempten, angebracht.>
Links: Leicht und mit einem Augenzwinkern - Entwürfe von Herbert Sorg.
Mitte: Eine luftige, duftige Rose aus schweren, harten Hufeisen.
Rechts: 1943 wurde diese Steintafel am Haus Nr. 44 in Albrechts auf Bitte der Edelweiß-Camembert-Fabrik K. Hoefelmayr, Kempten, angebracht.

Wandern in der Teufelsküche

Zwischen Obergünzburg und Ronsberg liegt die sogenannte Teufelsküche. Hier sind große, teilweise haushohe Blöcke vor Jahrtausenden aus der Steilwand der Moräne gebrochen. Die Blöcke bestehen aus verfestigtem Schotter und sind Relikte aus der Mindeleiszeit. Dieses imposante, im Durchmesser gut 400 m messende Areal ist ein ideales Spielgelände für Kinder. Allerdings sollte man bestimmte Spielregeln etwa für das Verstecken aufstellen, damit nicht einer tatsächlich im unübersichtlichen Gelände in Teufels Küche gerät.
Hier im romantischen Günztal, wo der Bach im breiten, gepflegten Wiesental noch frei mäandrieren darf, liegt direkt der Teufelsküche gegenüber die mühevoll restaurierte Liebenthannmühle, die als bekanntes Ausflugsziel zur Einkehr einlädt. Weiter nördlich das Günztal hinunter, wenden wir uns nach Osten und gelangen über einen Höhenrücken in das Mindeltal. Hier liegt das Mühlenmuseum Katzbrui, wo an geschichtsträchtigem Ort zum Film »Hans im Glück« gedreht worden ist. Auch der durstige und hungrige Wanderer kommt hier nicht zu kurz, denn in der alten Müllerstube befindet sich eine Gaststätte mit einem ganz besonderen Flair.
Traumhaft ist die Landschaft zum Wandern oder Radeln im Tal der östlichen Günz oder der nicht weit entfernten Mindel, die neben der Riß und der Würm den letzten vier großen Eiszeiten ihren Namen gegeben haben. So etwa kann man hinaufwandern zum Quellbereich der östlichen Günz, der jüngst im Rahmen der Günzacher Dorferneuerung umgestaltet wurde. Ja - und dann kommt »ganz plötzlich« das Ende des Urlaubs, und erschreckt wird festgestellt, dass man vor lauter Faulenzen, Wandern, Sporteln und »auf Kultur machen« wieder einmal vergessen hat, für die Daheimgebliebenen, die sich um Hunde, Katzen oder Blumen gekümmert haben, ein Geschenk zu besorgen. Aber auch da haben die Wassermanns schnellen und vor allem auch originellen Rat parat.

Kreaturen aus Metall und Stein

Wir fahren zu zwei Schrottkünstlern. Nein, die produzieren keinen Schrott, die arbeiten vielmehr mit Schrott. Unser erster Anlaufpunkt liegt gerade mal zwei Kilometer von der Katzbrui-Mühle entfernt. »Kreaturen in Metall und Stein«, so beschreibt Hobbykünstler Ludwig Blätz aus Köngetried im Unterallgäu das, was ich da auf seiner Hoffläche und in dem alten, neben seiner Hofstelle stehenden Bauernhaus angesammelt hat.
Man kommt aus dem Staunen nicht heraus, findet immer wieder Neues: da hängt an der Scheunenwand ein respektables Hirschgeweih, meint man auf den ersten Blick, es sind aber vielmehr geschickt arrangierte Schrottteile, die diesen Eindruck zwingend hervorrufen. Hinten im Garten steht auf der Wiese ein Schaf mit schön strukturiertem Vlies, beim Näherkommen wird daraus eine Komposition aus alten Zündkerzen. Hier geht man nicht weg, ohne etwas mitzunehmen. Eine schöne rostrote Rose mit Stengel und Blättern aus Baustahl sowie einer üppigen Blüte, geformt aus kleinen Hufeisen und Hufnägeln, die muss mit in den heimischen Garten.

Aus Schrott wird Kunst

Die Schrottkunst, das ist das Hobby von Ludwig Blätz. Gerade im Winter, da steckt er oft den ganzen Tag drüben im alten Bauernhaus, in seiner Werkstatt und überlegt und probiert und flext und schweißt und vergisst die Zeit darüber. »Zum Abendessen muss mich meine Frau oft extra herüberholen, weil ich so in meiner Welt versunken bin.« »Rein hobbymäßig« arbeitet auch Herbert Sorg aus Reinhardsried, Gemeinde Unterthingau, in Sachen Schrott. Sorg stammt aus der Landwirtschaft, hat aber Landmaschinenmechaniker gelernt und somit
das Rüstzeug für seine Kunst mit Schrott, wobei er das Metall, je nach Kundenwunsch, auch bearbeitet. Den Anstoß für sein Hobby gab eine »kleine Verlegenheit wegen eines Muttertagsgeschenks«, wie er grinsend sagt.
Wie plötzlich aus Schrott Kunst wird, das demonstriert uns Herbert Sorg sozusagen aus dem Handgelenk. Er greift in eine der mit Schrott gefüllten Kisten, holt den Schneidekopf einer großen Gartenschere heraus, dreht ihn ein wenig, öffnet leicht die Klingen: »Das wird der Kopf
eines Adlers.« Im selben Augenblick blitzt es einem durch den Kopf: natürlich, was denn sonst? Hätte man eigentlich sehen müssen - ja, von wegen.

Text & Fotos: Johannes Urban